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Eine Machtfrage?

LLMs verschieben Semantik von der Institution in die Interaktion. Das ist ihr eigentlicher Effekt — und er ist folgenreicher als alles, was gerade über ihre Fähigkeiten diskutiert wird.

Formalisierung scheitert selten an fehlenden Werkzeugen. Sie scheitert daran, dass sie eine Modellierungsfrage stellt und eine Machtfrage beantwortet. Wer „Kunde” definiert, entscheidet nicht über Datenstrukturen, sondern darüber, wessen Kennzahlen im nächsten Quartal schlechter aussehen. Jedes organisationsweite Schema ist ein Verteilungskonflikt im Kostüm einer Datenfrage. Und in solchen Konflikten gewinnt nicht das bessere Argument, sondern derjenige, der die Entscheidung am längsten hinauszögern kann.

Statistische Verfahren sind attraktiv, weil sie diese Entscheidung nicht erzwingen. Sie liefern brauchbare Ergebnisse ohne vorherige Einigung über Bedeutung. Die Konflikte verschwinden dadurch nicht — sie verlieren ihre Adresse. Wer keine Adresse hat, kann nicht mehr gewinnen, aber auch nicht mehr verlieren. Genau das ist der Reiz: Uneinigkeit ohne Haftung.

LLMs treiben das an die Grenze. Sie fordern keine verbindliche Terminologie, sie rekonstruieren den Sprachgebrauch ihres Gegenübers. Die Definitionsentscheidung fällt trotzdem — nur nicht mehr im Gremium und nicht einmal mehr im Trainingsdatensatz, sondern im Prompt, im Kontextfenster, in der Auswahl der abgerufenen Dokumente. Semantik im Wegwerfformat: gültig für eine Anfrage, danach spurlos.

Man sollte das nicht als Preis für die Produktivität verbuchen. Es ist die Produktivität. Diese Systeme funktionieren so reibungslos, weil sie nichts entscheiden, was sich später gegen jemanden verwenden ließe. Wer eine verbindliche Definition liefert, macht sich angreifbar. Wer kontextsensitiv antwortet, nie.

Und die verbreitete Hoffnung, KI könne die Formalisierung endlich billig machen, verkehrt sich dabei ins Gegenteil. Sie macht sie tatsächlich billig — Schemata, Ontologien, Mappings, alles fast umsonst. Übrig bleibt vom Projekt nur noch der Teil, den keine Maschine übernimmt: die Einigung. LLMs kaschieren den Konflikt nicht. Sie nehmen ihm den letzten technischen Vorwand.

Wenn aus plausiblen Antworten verbindliche Entscheidungen werden, kehrt der Konflikt nicht zurück. Er war nie verschwunden. Nur seine Sprache ist verloren gegangen. Was früher als Definitionsstreit verhandelt wurde, erscheint nun als Halluzination, Datenqualitätsproblem oder Modellfehler – und wird an jene delegiert, die ihn technisch lösen sollen, obwohl er nie ein technisches Problem war.